Seele [nafs]
Seele [nafs]

Aussprache: nafs
arabisch:
النفس
persisch: نفس
englisch: Soul

Bild: Die zwei Seelen, die aus einer Seele erschaffen wurden und die Wiedervereinigung ersehnen.

.Bücher zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.

Die Seele ist im Gegensatz zum Geist [ruh] der Teil im Herzen des Menschen, der unter seine eigene Kontrolle gestellt wurde, sozusagen sein „Ich“. Ziel des Islam ist es, das „Ich“ zu überwinden zu einem gemeinsamen „Wir“ im Kleinen in der Ehe und im Großen in der Ergebenheit in Gott.

Alle Menschen, auch Mann und Frau, wurden aus einer einzigen Seele erschaffen (vgl. Heiliger Quran 7:189).

Die Gelehrten unterscheiden in der Regel vier Entwicklungsstufen der Seele im Heiligen Quran, die der menschlichen Entwicklung entsprechen.

  1. Die befehlende Seele [al-nafs al-'amara]: Jener Zustand ist die Ausgangssituation. Wie ein wildes Pferd versucht die Seele zunächst die Kontrolle über den „Reiter“ zu gewinnen und ihn sogar „abzuwerfen“. Er befiehlt Unkontrollierbares und Schädliches und muss „gebändigt“ werden. Selbst die reinen und fehlerfreien Propheten kennen diesen Zustand der Seele, selbst wenn sie ihn beherrschen und weisen darauf hin, wie z.B. Josef (a.) im Heiligen Quran „...Und ich erkläre mich nicht selbst für unschuldig. Die Seele gebietet ja mit Nachdruck das Böse, es sei denn, mein Herr erbarmt sich. Mein Herr ist voller Vergebung und barmherzig.“ (12:52-53). Im Deutschen wird synonym der Begriff innerer Schweinehund oder Triebseele verwendet.
  2. Die sich selbst anklagende Seele [al-nafs al-lawwama]. In dieser Stufe verfügt die Seele über derartige Selbsterkenntnis, dass sie ihre eigenen Schwächen sieht und sich selbst tadelt um das „Selbst“ bzw. das „Ich“ zu überwinden. Dieser Seelenzustand ist bereits derart entwickelt, dass auf sie geschworen wird: „Nein, Ich schwöre beim Tag der Auferstehung. Nein, Ich schwöre bei der Seele, die sich selbst Tadel ausspricht.“ (75:1-2) Im Deutschen ist dieser Zustand auch als Gewissen bzw. Wirken des Gewissens bekannt.
  3. Die vernünftige Seele [al-nafs al-aqila]. In dieser Stufe wird die Seele von der Vernunft geleitet. Der Mensch nutzt den ihm angeborenen Verstand zum Guten und entwickelt diesen zu einer Vernunft, die ihn orientiert am Ziel des ewigen Lebens das Vernünftige entscheiden lässt.
  4. Die inspirierte Seele [al-nafs al-mulhama]. In dieser Stufe verfügt die Seele über die Fähigkeit zwischen den nützlichen und schädlichen Inspirationen zu unterscheiden und nutzt diese Fähigkeit zur eigenen Entwicklung: „..und der Seele und dem, was sie zurechtformt und ihr ihre Lasterhaftigkeit und ihre Frömmigkeit eingibt!“ (91:7-8). Die Freiheit  ist für diese Seele die Freiheit der Erkenntnis und der Abwehr des Schädlichen durch Erkenntnis und die Annahme des Nützlichen durch Erkenntnis.
  5. Die befriedigte Seele [al-nafs al-mutma'inna]. In ihrer Vervollkommnung erzielt die Seele die Zufriedenheit ALLAHS und ist dadurch auch selbst zufrieden über die Gnade der Zufriedenheit: „O du befriedigte Seele, kehre zu deinem Herrn zufrieden und mit seiner Zufriedenheit begleitet zurück. Tritt in die Reihen meiner Diener ein, und tritt ein in mein Paradies.“ (89:27-29)
  6. Die mit ALLAH zufriedene Seele [al-nafs ar-radhiya]. Die Seele selbst ist glücklich die hohe Stufe der Gottesannäherung erreicht zu haben (vgl. 89:27-29). Diese Stufe ist nicht zu verwechseln mit einer falschen Selbstzufriedenheit, wie sie in der ersten Stufe eintreten kann. Vielmehr ist die Zufriedenheit in dieser Stufe von Göttlichkeit inspiriert.
  7. Die Seele, mit der Gott zufrieden ist [al-nafs al-mardhiyya]. In der höchstmöglichen Stufe ist der absolute Gleichklang zwischen Geist Gottes [ruhullah] und der eigenen Seele erreicht. Die Seele wird zu einem vollkommenen Spiegel ALLAHS.

Eine ähnliche Aufteilung der Seelenzustände ist unter Anderem in dem Buch „Nafs-ul-Mutmainna“ (die befriedigte Seele) von Ayatollah Dastaghaib Schirazi zu finden.

Nach manchen Erläuterungen sind die Seelenzustände nicht lediglich aufeinander aufbauend sondern permanent vorhanden und es liegt an uns, welchen Seelezuständen wir zur Dominanz verhelfen, wobei die Gefahr des Absturzes jederzeit vorhanden ist.

Weitere Informationen zur Seele sind zahlreich: Am Tag der Auferstehung wird jede Seele für sich alleine auftreten (2:48, 2:123) und jeder Seele wird vergolten, was sie verdient in Gerechtigkeit (3:30, 3:161).

Keine Seele wird schwerer belastet als sie es ertragen kann (2:233, 2:286, 6:152, 7:42, 65:7) aber jede Seele wird den Tod zu spüren bekommen (3:185, 21:35, 29:57). Es sind Boten Gottes, welche die Seele dann abholen (6:61). Und dann wird jede Seele wissen, was sie getan hat (82:5).

Eine weitere Erwähnung des Begriffs „Seele“ erfolgt bei der Mubahala: „Und wenn sich jemand mit dir über sie (die Wahrheit) streitet, nachdem das Wissen zu dir kam, so sprich: 'Kommt her, lasst uns rufen unsere Söhne und eure Söhne unsere Frauen und eure Frauen und unsere Seelen und eure Seelen. Als dann wollen wir zu Allah flehen und mit Allahs Fluch die Lügner bestrafen.“ (Heiliger Quran 3:61). Die Frauen des Islam wurden bei dem Ereignis von Fatima (a.) repräsentiert, die Söhne des Islam durch Imam Hasan (a.) und Imam Husain (a.) und die „Seelen“ des Islam durch Prophet Muhammad (s.) und Imam Ali (a.). Aus dieser Gegebenheit haben einige auf eine "Seelenverwandtschaft" zwischen Imam Ali (a.) und seinem eigenen Imam, dem Propheten Muhammad (s.), geschlossen.

Im Sendschreiben über die Rechte (Risalat al-Huquq) erwähnt Imam Zain-ul-Abidin (a.) die Rechte der Seele: „Das Recht deiner Seele dir gegenüber besteht darin, dass du sie in den Dienst Gottes stellst; dann gibst du auch deiner Zunge ihr Recht, deinem Gehör sein Recht; deinem Sehvermögen sein Recht; deiner Hand ihr Recht; deinem Bein sein Recht; deinem Bauch sein Recht; deinem Geschlecht sein Recht, und du suchst bei alledem Hilfe von Gott.“

Ayatollah Morteza Motahhari schrieb zur Seele: „Die Seele des Menschen nährt sich von ihren Taten. Daher sei vorsichtig, womit du sie fütterst?“

Ayatullah Hasan Hasanzade Amuli sagt zur Seele: „Wenn die Seele einen gewissen Grad der Reinheit erreicht hat, sieht sie im Traum erstaunliche Dinge. Sie wird von Seelen wahrgenommen, die von ihren Körpern getrennt wurden. Und Gott schenkt ihnen ein Licht Seiner Barmherzigkeit, sodass keine Freude für sie dieser Freude gleichkommt. Je größer und besser die innere Achtsamkeit ist und je stärker die Selbstbeobachtung wird, desto stärker werden die Gedanken, geistigen Erkenntnisse, inneren Enthüllungen, geistigen Erscheinungen und Träume eines Menschen. Allgemein gesagt werden alle seine Wahrnehmungen klarer und kommen der Wirklichkeit näher. Dies kann einen solchen Grad erreichen, dass die Seele aufgrund der wahren und wesentlichen Reinheit, die sie erlangt hat, die Wirklichkeit selbst und ihr eigentliches Wesen erkennt. Sie bedarf dann keiner Deutung oder Auslegung mehr, denn sie hat die Wirklichkeit selbst erkannt.“

Bücher zum Thema

  Dschihad un Nafs

Videos zum Thema

 

© seit 2006 - m-haditec GmbH - info@eslam.de